
Berlin, 9. April 2026: Ab Juli 2026 greift das Opt-out-Modell des Zweiten Betriebsrentenstärkungsgesetzes (BRSG II): Arbeitgeber können ihre Beschäftigten automatisch in die betriebliche Altersvorsorge aufnehmen. Wer nicht widerspricht, spart fürs Alter mit weniger Netto auf dem Konto. Doch eine neue Studie des House of Finance & Tech Berlin (HoFT) mit 5.020 Beschäftigten zeigt: Ohne begleitende Finanzbildung droht die gut gemeinte Automatik ausgerechnet bei den Verletzlichsten mehr Stress auszulösen statt ihn zu lindern.
Kontrollverlust stresst mehr als Geldmangel
Die Employee Financial Wellbeing Studie 2026 liefert ein zentrales Ergebnis, das die Debatte um die Rentenreform verändert: 37 Prozent der Beschäftigten nennen Unsicherheit und Kontrollverlust über die eigene Zukunft als größten Stressfaktor, noch vor konkreten finanziellen Problemen (34 Prozent). Nicht das fehlende Geld belastet die Menschen am meisten, sondern das Gefühl, die eigene finanzielle Situation nicht zu verstehen und nicht steuern zu können.
Die Falschen könnten widersprechen
38 Prozent der Beschäftigten in Deutschland sind finanziell gestresst. In kleinen Unternehmen mit unter 50 Mitarbeitenden liegt die Quote bei 43 Prozent. Gleichzeitig haben KMU-Beschäftigte deutlich seltener Zugang zu einer betrieblichen Altersvorsorge (34 Prozent vs. 52 Prozent in Großunternehmen) und zu vermögenswirksamen Leistungen (22 Prozent vs. 44 Prozent). Weniger Schutz bei höherem Stress. Und genau diese Betriebe sollen jetzt Opt-out einführen.
Das Risiko: Wer ohnehin jeden Euro Netto braucht und nicht versteht, warum sich die Entgeltumwandlung trotz kurzfristiger Einbuße langfristig lohnt, wird vermutlich als Erster widersprechen. Ohne Finanzbildung riskiert das Opt-out-Modell, genau die zu verlieren, die es am meisten brauchen.
«Die Rentenreform ist ein historischer Schritt. Aber eine Reform, die auf der Voreinstellung basiert, braucht Menschen, die verstehen, was diese Voreinstellung bedeutet. Unsere Studie zeigt: Der größte Stressfaktor ist nicht fehlendes Geld, es ist fehlendes Verständnis. Wenn ab Juli Millionen Beschäftigte automatisch in die bAV eingeschrieben werden, muss Finanzbildung Teil des Pakets sein. Sonst riskieren wir, dass gerade die finanziell Verwundbarsten aus dem System fallen.»
– Dr. Sebastian Schäfer, CEO, House of Finance & Tech Berlin
Mehr Gehalt löst das Problem nicht. Mehr Verständnis schon.
58 Prozent der Beschäftigten erhielten in den vergangenen zwölf Monaten eine Gehaltserhöhung. Doch fast jeder Dritte davon (32 Prozent) ist weiterhin finanziell gestresst. Finanzieller Stress lässt sich nicht einfach mit mehr Geld wegverhandeln. Die Ursache liegt tiefer: fehlende Finanzkompetenz, mangelnde Vorsorgeplanung und das Gefühl, den Überblick verloren zu haben.
Besonders betroffen ist die Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen mit einer Stressquote von 40 Prozent. Also genau die Generation, die jetzt die Weichen für ihre Altersvorsorge stellen müsste. Familiengründung, Immobilienfinanzierung und Karriere fallen in dieser Lebensphase zusammen. Und nun sollen sie zusätzlich ein Altersvorsorgedepot, ein BRSG-II-Opt-out und die Frühstart-Rente verstehen.
Die Kosten des Nichtstuns
Finanzieller Stress ist kein weiches Thema. Die Studie beziffert die Folgen: Gestresste Beschäftigte verlieren durchschnittlich 4,1 produktive Stunden pro Woche, suchen 2,3-mal häufiger einen neuen Job (23 Prozent vs. 10 Prozent) und berichten 5,5-mal häufiger starke psychische Belastungen. Das Engagement sinkt über alle Dimensionen um 10 bis 12 Prozentpunkte.
56 Prozent der Beschäftigten wünschen sich professionelle Unterstützung bei Finanzentscheidungen. Unter den finanziell Gestressten sind es 62 Prozent. Die Nachfrage nach Orientierung ist da. Was fehlt, ist das Angebot.
Reform braucht Begleitung
Deutschland erlebt mit dem Altersvorsorgedepot, dem BRSG-II-Opt-out und der Frühstart-Rente die größte Vorsorge-Reform seit Jahrzehnten. Die Mechanik stimmt. Aber Gesetze allein ändern kein Verhalten. Verständnis schon. Die Studie legt nahe: Arbeitgeber, die das Opt-out ohne begleitende Finanzbildung umsetzen, riskieren steigende Stresswerte, höhere Fluktuation und genau den Kontrollverlust, der laut den Daten der größte Belastungsfaktor ist.
Über die Studie
Employee Financial Wellbeing Studie 2026, durchgeführt von HoFT Berlin und Financial Health Initiative (FHI). n=5.020 Beschäftigte, 13 Branchen, YouGov Panel, Nov/Dez 2025. Methodik: CFPB Financial Well-Being Scale.
Über HoFT Berlin
Das House of Finance & Tech Berlin (HoFT Berlin) ist Deutschlands offizieller Fintech de:hub und Europas Financial Wellbeing Ecosystem mit über 60 Mitgliedsorganisationen. Gemeinsam mit der Financial Health Initiative (FHI) entwickelt HoFT den Financial Wellbeing Score auf Basis der CFPB-Methodik und setzt damit den Standard für die Messung finanzieller Gesundheit in Deutschland und Europa. Im April 2026 geht der FinWell Showroom live – mit KI-Companion und Benchmarking-API.